Tellerrand

Sie sind hier:

Die Sache mit dem Tellerrand



"Genügt dir denn das Shotokan-Karate, willst du nicht über den Tellerrand sehen?"


wurde ich einmal gefragt.



Was für eine Frage.

Doch, es ist eine gute, oder eben auch nicht, denn es kommt wieder einmal darauf an ...


Zum einen ist wichtig zu wissen, an wen diese Frage gestellt wird,
zum anderen ist es entscheidend, welchem Zweck das über den Tellerrand schauen dienen soll.

So ist es sicher nicht falsch, wenn ein langjähriger Meister sich mit anderen Stilrichtungen auseinandersetzt, mit dem Ziel, die eigene Stilrichtung besser zu verstehen und nach gemeinsamen Prinzipien oder auch nach Abgrenzungen zu suchen.


In meinem Fall war das jedoch ganz anders.
Als ich damals gefragt wurde, war ich Braungurt.
Und der Zweck war, mich davon zu überzeugen, dass "richtig kämpfen" und "Shotokan Stil" sich widersprechen würden, wer richtig kämpfen will muss sich um andere Stilrichtungen kümmern.

In diesem Kontext war die Frage an mich sicherlich eine schlechte, eine sehr schlechte sogar.

Meine Antwort war,
"Ich bin doch noch gar nicht am Tellerrand angekommen, wie soll ich da über denselben drübersehen".


Dieses Ereignis hat mich bezüglich des Tellerrandes sensibilisiert, und so werde ich immer hellhörig, wenn ich das Wort vernehme oder in einem Bericht darauf stoße.

Warum möchten Shotokan-Frischlinge (dazu gehören auch frisch gebackene Danträger) immer so gerne über diesen artifiziellen Rand sehen?

Eine Möglichkeit könnte darin liegen, dass es relativ leicht ist, in einer neuen Disziplin rasch sichtbare Fortschritte zu erzielen.
Dagegen strebt die Verbesserung ab einer bestimmten Stufe asymptotisch der Horizontalen entgegen, minimale Verbesserungen werden nur durch überproportionale Anstrengung erreicht.

Das Tellerrand-Gucken könnte sich hier als der bequeme Weg zu Stärkung des Selbstwertgefühles erweisen.


Aber solches Denken deckt sich nicht mehr mit der Maxime des Strebens nach Perfektion.
Das Wort Streben ist hier der Schlüssel, Perfektion wird nie erreicht, aber das Streben danach, die Bereitschaft dazu für ein weiteres winziges Stück des Weges Mühsal auf sich zu nehmen, das ist es, was den hohen moralischen Wert dieser Maxime ausmacht.



Also, besser dürfte es sein, die Nase wieder etwas zu senken, auf den langen Weg zu blicken, der uns noch vom imaginären Horizont trennt, sonst kann es passieren, dass ein kleiner Stein unserem stolzen Schritt ein jähes Ende bereitet.


Oss!
Günther